Horst Wehner

Archiv für August 2011

Eine besondere Projektwoche in Lichtenstein

25. August 2011  |  Abgelegt in Allgemein

In Lichtenstein tut sich was, und zwar ’ne Menge! Erst im Frühjahr waren wir zu einem alternativen Stadtrundgang aufgebrochen, dessen Ziel es war, auf problematische Stellen hinsichtlich der Barrierefreiheit hinzuweisen. Ich berichtete darüber nicht nur hier auf meiner Homepage, sondern auch im Landtag, als mich die Klasse 9a (inzwischen 10a) der Heinrich-von-Kleist-Mittelschule dort besuchte. Ganz spontan entstand die Idee, das Thema für die jährlich stattfindende Projektwoche zu wählen. Und so geschah es.

Wie schon beim letzten Mal sind sehr viele Bilder entstanden, die ich hier anstelle von viel Text sprechen lassen will.

Sehr herzlich begrüßt wurden wir von der Beigeordneten Frau Hamann, die schon die Auswertung des letzten Rundgangs sehr genau verfolgt hat. Dabei war es u.a. darum gegangen, dass die Stadtinformation für Rollstuhlfahrer derzeit nicht zugänglich ist, es allerdings geeignete Räumlichkeiten direkt neben dem Rathaus gäbe, die barrierefrei sind. „Dann lasst die Information doch umziehen“, war schon damals zu hören. Und tatsächlich: Anfang Oktober soll die Information in den neuen Räumen untergebracht werden. Klasse!

Aber heute ging es ja in erster Linie um die Schülerinnen und Schüler, die sich bereits seit Anfang der Woche mit dem Thema Behinderung beschäftigen.

Da es da die verschiedensten Arten gibt, fehlte heute auch eine blinde Schülerin nicht.

Die Rolle der Rollifahrerin hatte für den heutigen Tag Jessica übernommen. Das bedeutete für sie, dass sie bereits seit ihrer Ankunft in der Schule im Rolli saß. Dass das Umgehen damit alles andere als einfach ist, hatte am Tag zuvor schon ihr Mitschüler Maik festgestellt, und sie hatte auch prompt viel mehr Zeit für den Weg zum Rathaus gebraucht, als sie gedacht hatte. Vor allem zu hohe Bordsteine wären das Problem gewesen, denn einfach mal so aussteigen zählt  ja nicht. Aber da konnte ich ein paar Tipps geben und dann ging es auch schon los.

Die erste Station war das Parkhaus in der Innenstadt, das ursprünglich über 9 Behindertenparkplätze verfügte. Da diese Zahl wohl doch zu groß war, wurden drei davon in Eltern-Kind-Parkplätze umgewandelt – warum es allerdings die drei sein mussten, die dem Ausgang am nächsten waren, ist eine der Fragen, die die Schüler demnächst bei der Sozialausschussitzung stellen wollen, denn zu dieser sind sie gleich zu Anfang von Frau Hamann eingeladen worden.

Als nächstes ging es zum Gebäude der Energiewirtschaft. Der Zugang ist für gehbehinderte Menschen kein Problem, aber wie ist das bei Blinden? Wir wurden sehr freundlich und vor allem hilfsbereit empfangen. Frau G. vom Empfang begleitete zum Fahrstuhl, der zwar nicht in Braille-Schrift beschriftet ist, aber immerhin haben die Tasten erhabene Ziffern. „Ich würde die betreffende Person selbstverständlich persönlich zum Bearbeiter bringen“, betonte Frau G. Und sie gab noch einen Tipp:

„Rollifahrer nehmen besser den Seiteneingang um zum Aufzug zu gelangen, weil die Zwischentür hier sehr schwer ist. Andererseits: wir helfen immer gern.“

Sehr freundlich war auch die Filialleiterin der Sparkasse, die sogar ein wenig mit uns gerechnet hatte, war doch heute ein Artikel über den fächerverbindenden Unterricht in der Freien Presse. Nachdem sie uns begrüßt hatte, wurde sie gleich darauf aufmerksam gemacht, dass Uneingeweihte vor der Sparkasse stehen und nicht wissen, dass sie über einen Seiteneingang ins Gebäude gelangen können – es fehlt schlicht ein Hinweisschild.

Kontoauszüge zu holen, ist für Rollifahrer kein Problem, um an die Formulare zu kommen, schon eher. Und man kommt nicht zu den Selbstbedienungsautomaten im Foyer der Sparkasse… Selbstbestimmte Teilhabe ist das leider nicht.

Eine ganz besondere Herausforderung stellte für Jessica dieser halb auf dem Gehweg geparkter PKW dar. (Mein Rollstuhl ist etwas schmaler, aber vorsichtig sein musste ich auch) Er war ein gutes Beispiel dafür, wie durch einfache Gedankenlosigkeit ganz schnell Barrieren entstehen.

Während man den Autofahrer auf die Schwierigkeiten hinweisen kann, die er verursacht und er möglicherweise feststellt, dass es eigentlich keine Mühe macht, in Zukunft einfach auf mehr Abstand zu achten, ist so ein Ärztehaus wie dieses hier wirklich ärgerlich. Denn hier hat  man als Rollifahrer beim besten Willen keine Chance! Nicht umsonst gibt es die Forderung, neue Praxen nur noch zuzulassen, wenn die Barrierefreiheit gegeben ist.

Etliche Meter und Bordsteine weiter, fand Jessika es gar nicht mehr lustig: „Die Kanten sind einfach viel zu hoch!“ stellten auch ihre Mitschüler fest. Wobei ich sagen muss: im großen und ganzen ist Lichtenstein als Rollifahrer schon recht gut zu bewältigen.

Vor der Polizeiwache haben wir erstmal eine kleine Pause gemacht – notgedrungen, denn auch hier von Barrierefreiheit keine Spur. „Ja, leider“, wurde uns von einer Polizistin gesagt. „Aber natürlich fahren wir zum Bürger, wenn er ein Problem zur Anzeige bringen will, das ist für uns keine Frage“, wurde uns an dieser Stelle versichert. Ein bisschen unangenehm war es ihr jedoch schon.

Weiter ging es zum Zeitungsladen: Schilder und Pappen auf dem Gehweg, vor allem aber jede Mengen Stufen. „Wenn jemand hier nicht hineinkommt, kommt die Verkäuferin raus“, wurde uns auf Nachfrage gesagt. „Allerdings muss sich jemand finden, der drinnen Bescheid sagt, dass hier draußen jemand steht.“

Anders am Bahnhof. „Ich fahre immer mit der Citybahn“, sagte eine ältere Dame mit zwei Unterarmstützen. „Hier kommt man gut zurecht.“ Jessika schränkte das dann später ein: „Die Citybahn ist wirklich okay. Aber beim RB braucht man schon Hilfe und der RE hat richtig hohe Stufen, das ist mit Rolli nicht machbar.“

Auf dem Rückweg zur Schule dann noch einmal eine „temporäre“ Barriere, die zeigt, dass Barrierefreiheit vor allem in die Köpfe muss:

An dieser Stelle kommt auch der schmalste Rolli nicht mehr vorbei. (Im übrigen auch kein Kinderwagen oder Rollator!)

Nach gut 2 Stunden trafen wir in der Schule ein. Nach einer kurzen Pause werteten wir den Rundgang aus. Mich interessierte vor allem, wie Jessica die Tour empfunden hat („es ist eine ganz andere Perspektive“), aber auch, wie Larissa, heute mit verbundenen Augen quasi als die blinde Schülerin und ihre Assistentin zurecht gekommen sind. Die erste Antwort: „Ich hoffe, dass ich nie blind werde – man ist total hilflos“. Ihre Helferin gab zu, sich anfangs ganz schön unsicher gefühlt zu haben, vor allem, weil sie so eine große Verantwortung spürte: „Weniger, dass ich mit hinfallen könnte, sondern vielmehr, weil sie mir ja vertraut hat und sich auf mich verlassen können musste.“

„Zu Anfang hatte ich Bedenken, ob sich auch für jeden Tag ein Schüler oder eine Schülerin findet, die sich für die gesamte Zeit in den Rollstuhl setzt“, sagte Frau Schumann, die Klassenleiterin, im Anschluss. „Aber es haben sich gleich 4 Leute gemeldet und jeder von ihnen hat das richtig durchgezogen.“ Auch der Rollifahrer für den letzten Tag steht fest, ebenso sein Assistent.

Ich muss sagen: obwohl der Rundgang mal wieder ganz schön anstrengend war, hat er doch auch gezeigt, wie offen und aufgeschlossen die Schülerinnen und Schüler mit dem Thema umgehen und dass Kommunikation, das Miteinander-Reden, ganz wichtig ist. „Das ist mal ’ne richtig gute Projektwoche“, sagte jemand zum Abschluss. „Das ist mal was Praktisches, wo man ganz neue Erfahrungen macht. So müsste Unterricht immer sein.“ Das Schönste aber ist: Ich bin überzeugt davon, dass die Schülerinnen und Schüler in Zukunft noch aufmerksamer durch ihre Stadt gehen, nein nicht nur das, sondern sie werden auch miteinander anders umgehen. Der/die Stärkere hilft einfach dem/der Schwächeren.

Dass sie eingeladen sind, im Sozialausschuss über ihre Erfahrungen zu berichten, habe ich bereits erwähnt, auch, dass die Stadtinformation demnächst barrierefrei sein wird. Was aber zeigt, dass sich in Lichtenstein wirklich um Barrierefreiheit bemüht wird, zeigte mein erneuter Besuch im Blumenladen: als ich das letzte Mal dort war, war der Durchgang zugestellt und dadurch für mich zu schmal. Damals wurde mir gesagt: „Das ist nur heute so, normalerweise ist mehr Platz.“ Und tatsächlich: Heute war der Zugang zum Geschäft auch für mich kein Problem.

Es geht doch!

Ab September weiter reisen – 50km-Begrenzung entfällt

25. August 2011  |  Abgelegt in Allgemein

Mobilitätseingeschränkte Menschen werden ab dem 1. September 2011 in allen Nahverkehrszügen kostenlos befördert. Damit entfällt die Begrenzung auf 50 Kilometer um den Wohnsitz. Voraussetzung für die Nutzung des öffentlichen Verkehrs ist – wie bisher – der Besitz eines entsprechenden Ausweises samt Beiblatt mit Wertmarke (gemäß §147 Abs. 1 Satz 1 SGB IX).

Die entsprechenden Gesetze und Verordnungen (SGB IX, Schwerbehinderten-Ausweisverordnung, Nahverkehrszüge-Verordnung) werden nach Auskunft des Arbeits- und Sozialministeriums zeitnah geändert. Gleichzeitig beziehen sich die Regelungen zur Freifahrt auf alle Nahverkehrsunternehmen, d.h. sowohl auf staatliche (Deutsche Bahn AG) wie auch auf private Eisenbahnen (z.B. Mitteldeutsche Regiobahn).

Es bleibt zu wünschen, dass recht viele von diesen Neuerungen Gebrauch machen können. Das setzt jedoch die Barrierefreiheit von Bahnhöfen, Haltepunkten und Zügen voraus.

Horst Wehner am Bahnhof Lichtenstein. Die Stadt bemüht sich, möglichst viele Barrieren abzubauen.

Horst Wehner am Bahnhof Lichtenstein. Die Stadt bemüht sich, möglichst viele Barrieren abzubauen.

„Alt werden in Gemeinschaft“ – Besuch beim AWIG e.V.

17. August 2011  |  Abgelegt in Allgemein

„Im Alter einsam“ – diese Angst ist bei vielen gar nicht so selten. Aber wohin, wenn man noch fit ist und nicht in ein Heim oder eine betreute Wohnanlage ziehen möchte?

Ich war heute beim AWIG e.V. eingeladen, der sich 1996 nach dem Grundsatz „Alt werden in Gemeinschaft“ gegründet und inzwischen in Verein für Gemeinschaftliches Wohnen e.V.  umbenannt hat. Eines seiner Wohnprojekte ist auf der Ehrlichstraße 3 zu finden, also sehr zentral in Dresden, und das habe ich mir angesehen.

Sehr herzlich empfangen, erfuhr ich zunächst viel über die Geschichte des Vereins, der Wohnprojekte, vor allem aber darüber, was das heißt: Gemeinschaftliches Wohnen.

Interessenten gäbe es recht viele. Doch: „Wir erleben immer wieder, dass Menschen, die bereits 70 Jahre und älter sind, unser Projekt kennen lernen und sagen: Sehr schön! Wenn wir mal nicht mehr können, dann überlegen wir uns das.“,  wurde mir eine typische Situation geschildert. „Aber wir sind keine Pflegeeinrichtung, das können wir nicht leisten! Was wir suchen, sind Menschen, die sich in eine Gruppe integrieren und sie aktiv mit gestalten wollen.“ Das heißt: Gemeinsame Theater- oder Konzertbesuche, regelmäßig gehaltene Vorträge und Lesungen… Jeder soll sich nach seinen Fähigkeiten einbringen. Natürlich gehört auch die gegenseitige Unterstützung im Alltag dazu, aber die nur in Maßen.

Bilder schmücken die Gemeinschaftsräume

Attraktiv macht die Wohnungen in erster Linie, dass sie barrierefrei sind. Und dass jede Gruppe über Gemeinschaftsräume verfügt. Gewohnt wird in individuell eingerichteten und abgeschlossenen Wohnungen, die Mieter schließen Einzelverträge mit dem Vermieter ab. „Noch sind es meist Einzelpersonen, die sich für das gemeinschaftliche Wohnen interessieren“, wurde mir berichtet. „Aber wir hatten inzwischen auch schon eine Anfrage von einem Ehepaar. Leider sind die Mieten für manchen zu hoch, denn auch die Kosten für die Gemeinschaftsräume werden auf alle zu gleichen Teilen umgelegt.“

Dass diese z.T. sehr großzügig sind, konnte ich auf meinem Rundgang sehen. „Wer spielt Klavier?“, war nur eine der Fragen, die ich dabei hatte. Dass der Vermieter  das Projekt gern unterstützt, wurde dadurch sichtbar, dass er die Möblierung der Gemeinschaftsräume unterstützte und die Küche einbaute. „Mit solchen Vermietern arbeiten wir als Verein sehr gern zusammen“, wurde mir versichert.

Gemeinsam statt einsam. Eine schöne Möglichkeit, seine Interessen, Fähigkeiten und Möglichkeiten nach dem Arbeitsleben nachzugehen. Und doch weiß ich, es wird nicht jedem, jeder vergönnt sein…