Vor Ort in Werdau

Am 7. Oktober war ich zu einem Arbeitsbesuch in Werdau. Er begann mit einem Besuch der integrativen Kindereinrichtung „Wirbelwind“ . Nach der herzlichen Begrüßung durch die Leiterin der Einrichtung, Frau Progscha, führte sie uns durch die im Jahr 2007 eröffnete Kita mit 100 Kindern und einem Schulhort zu der gegenüber gelegenen Grundschule mit 113 Kindern. Schon der erste Eindruck war für mich beeindruckend.

Ein kleines Ständchen durch die kleine Gruppe
Ein kleines Ständchen durch die kleine Gruppe
Alles ist hell und freundlich und jedes der 6 Gruppenzimmer hat einen ebenerdigen Zugang zum großen und grünen Außenbereich.

Ich konnte mich davon überzeugen, dass die Erzieherinnen mit großem Engagement und Einfallsreichtum ihre Arbeit leisten. Dass diese Arbeit mit einem enormen bürokratischen Aufwand (Dokumentationen über Dokumentationen) verbunden ist, hat  mich schon überrascht. Wie schaffen das die Frauen bloß? Es erscheint mir zwingender denn je, einen anderen Betreuungsschlüssel (weniger Kinder auf eine/n Betreuer/in) in den Kindertagesstätten durchzusetzen und zugrunde zu legen.

Ferienkinder im Hort beim Herbstbasteln (links Frau Progscha)
Ferienkinder im Hort beim Herbstbasteln (links Frau Progscha)

Ebenso wie in der Kindertagesstätte wird im angrenzenden Hort ein vielseitiges Angebot für die Kinder bereit gehalten. Jedes der Hortzimmer  hat eine andere Funktion (Kreativraum, Sinnesraum, Theaterraum, Bastelraum u. a.) in dem die Hortkinder nach der gemeinsamen Erledigung der Hausaufgaben ihren Interessen nachgehen können.

Im Gespräch mit dem Oberbürgermeister Ralf Tittmann
Im Gespräch mit dem Oberbürgermeister Ralf Tittmann

Als nächstes stand der Arbeitsbesuch beim Oberbürgermeister der Stadt Werdau, Ralf Tittmann (DIE LINKE), auf dem Programm. Nach der Begrüßung und einem kurzen Rundgang durch über 100 Jahre alte, ehrwürdige Gemäuer informierte mich der Oberbürgermeister über die aktuellen und anstehenden Probleme der Stadt, die gegenwärtig an einem Haushaltssicherungskonzept arbeitet. Der Bürgermeister steht in der Kritik, und zwar mehr bei den Linken als bei Bürgerinnen und Bürgern oder im Ort ansässigen Unternehmen. In der Tat scheint es zwischen den politischen Zielsetzungen der Linken und in der Mandatsausübung in Wahlämtern Diskrepanzen zu geben. Wo ist das Maß des Machbaren, Verantwortbaren? Werden Erfordernisse, Notwendigkeiten, Zwänge kommuniziert? Was sind Abwägungskriterien? Was ist Verantwortung? Wie ist das mit dem Vertrauen? Wissen diejenigen, die kritisieren, wie es besser geht? Und was wären die Konsequenzen? Diesen Fragen werden wir uns stellen müssen, in Zukunft vermutlich mehr denn je.

Keine 200 Meter vom Rathaus entfernt, in zentraler Lage, befindet sich das am 1. Januar 2010 eröffnete Seniorenpflegeheim „Haus am Brühl“.  Dorthin führte mich nach meinem Gespräch mit dem Oberbürgermeister mein nächster und zugleich letzter Termin an diesem Tag. Auch hier mein erster Eindruck schon am Eingang: Hell, freundlich und funktionell  – und auch wieder so herzlich die Begrüßung durch die beiden Geschäftsführer Frau Heimrich und Herrn Rehse. Da ich mitten in die Vorbereitung einer Veranstaltung (Auftritt einer Kindertagesstätte) geplatzt bin, konnte ich mich gleich davon überzeugen, mit wie viel Herzlichkeit die Bewohnerinnen und Bewohnern der Einrichtung umsorgt werden. Mit 100 Bewohnern ist das Haus voll belegt. Angestellt sind 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alle in einem sogenannten sozialversicherungspflichtigen Angestellten-Verhältnis. Im Haus befinden sich noch zusätzlich 13 separat erreichbare altersgerechte Wohnungen.

Im Gespräch mit Herrn Rhese
Im Gespräch mit Herrn Rhese

Im Gespräch mit den beiden Geschäftsführern wurde deutlich, dass hier im Seniorenpflegeheim der hier lebende Mensch im Mittelpunkt steht.

Dazu tragen neben den alltäglich zu erledigenden Pflege- und Betreuungsaufgaben ein vielfältiges soziales  Angebot und viele Beschäftigungsmöglichkeiten bei. Eine eigene ergotherapeutische Abteilung mit 6 Beschäftigten für den Pflegebereich erweitert das Spektrum noch. Das Wohl der Gäste steht im Vordergrund, alle kümmern sich lieb und sorgsam um sie – und den Gästen gefällt das ganz offensichtlich. Dass sich auch in anderer Hinsicht  intensiv Gedanken um das Wohlbefinden der hoch betagten Anvertrauten gemacht wurde, zeigt die Anwesenheit eines kleinen Hundes. Der kann gestreichelt werden, mit ihm werden Dinge besprochen, die keiner Antwort bedürfen, aber gesagt sein müssen. So wird im arbeitsreichen Leben gehabte Häuslichkeit in der fremden Umgebung wieder erlebbar. Hygienische Maßstäbe werden offenbar nicht verletzt und  dass Angestellte oder HelferInnen mit dem Hund Gassi gehen, ist selbstverständlich, das gehört dazu. Auf die Menschen im Heim hat der Hund einen durchweg positiven Einfluss. Ist das nicht auch Geborgensein? Ist das nicht auch ein neuer Weg? Bisher waren Pflegebedürftige von heute auf morgen aus ihrer gewohnten Umgebung heraus und von ihren lieb gehabten Gewohnheiten plötzlich getrennt. Hier bekommen sie ein kleines Stück davon zurück. Vor allem aber erfährt hier die Würde des Menschen Beachtung.

Beim Rundgang durch die Einrichtung (v.l. Herr Rehse, Steffen Gruna, Frau Heimrich und ich)
Beim Rundgang durch die Einrichtung (v.l. Herr Rehse, Steffen Gruna, Frau Heimrich und ich)

Selbstverständlich kamen wir in unserem 2-stündigen, sehr angenehmen Gespräch auch auf Probleme in der Pflege zu sprechen. So z. B. dass die Pflege in der Gesellschaft noch lange nicht die Stellung einnimmt,  die ihr zukommen sollte. Außerdem: Bürokratie und Überreglementierungen nehmen  Zeit in Anspruch, die eigentlich dem zu Pflegenden vorgehalten werden sollte. Die Hilfsmittelverordnung stellt die Einrichtung vor sehr große Herausforderungen – Betroffene müssen auf notwendigen Hilfsmittel viel zu lange warten. Die Qualität der Ausbildung der Fachkräfte für die Pflege wird kritisiert, vor allem, dass soziale Komponenten immer weniger eine Rolle spielen. Dem Pflegepersonal bleibt zu wenig Zeit für Zuwendung. Auch erfolgte eine Diskussion, dass das Freiwillige soziale Jahr nicht zu Lasten der Beschäftigung von Fachkräften eingesetzt werden sollte. Bemerkenswert für mich war, dass die Geschäftsführer sehr viel Wert darauf legen, dass die Einrichtung Leistungen wie Reinigung und Wäschewaschen, Kochen und Nahrungszubereitung selbst vorhält.

Für mich war es ein beeindruckender und spannender Tag. Ich danke allen für ihre freundliche Aufnahme und dafür, dass ich  die Arbeitsabläufe,  die Sorgen und Nöte, aber auch die erfreulichen Aspekte ihrer Arbeit kennen lernen durfte. Ich wünsche allen Erfolg und Glück und Spaß, doch vor allem Gesundheit. Wenn Hilfe erforderlich sein sollte, bin ich gern Ansprechpartner.

Mein nächster Arbeitsbesuch wird mich am 12. November 2010 nach Lichtenstein führen. Ich freue mich schon heute  auf die Gespräche und den Besuch der Einrichtungen vor Ort.