Regionaltag des Arbeitskreises „Soziales“ im Landkreis Leipziger Land

„Die Politiker wissen doch gar nicht, wie es uns hier geht“, ist ein Vorwurf, der oft erhoben wird. In der Tat, es gibt Probleme  vor Ort, von denen wir gar nichts wissen!

Deshalb führen wir regelmäßig Regionaltage durch. Am 05. April 2011 war der Arbeitskreis Soziales und Gleichstellung der Fraktion Die Linke im 5. Sächsischen Landtag im Landkreis Leipziger Land. Er  stand unter dem Motto „Zukunft der Pflege und Betreuung in unterstützenden Wohnformen“ und führte uns nach Borna und Böhlen.

Erste Station war die Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe, wo eine Kennenlernrunde stattfand und uns der Leiter der Einrichtung, Herr Uwe Drechsler, einen Überblick über die Einrichtungen der Lebenshilfe in Borna gab. Sympathisch war das „Konzept des offenen Hauses“, d.h. es gibt keinen Pförtner und Besucher sind jederzeit herzlich willkommen. Auch ist die Werkstatt sehr um Zusammenarbeit bemüht. Die Kontakte ins Landratsamt sind gut, demnächst soll die Küche von der Bäckerei des Jugendstrafvollzugs beliefert werden. Die durch die Werkstatt betriebene KFZ-Aufbereitung arbeitet eng mit einem am Ort ansässigen Autohaus zusammen, die Wäscherei arbeitet für die verschiedensten Unternehmen.

Auch das Thema „Inklusion“ kam zur Sprache, wobei sich mehrere der Anwesenden dahingehend äußerten, dass schon eine umfassende Integration ein Schritt nach vorn wäre. Auch werden ambulante Angebote angestrebt, aber diese passen nicht immer und für jeden.

Übergabe einer Spende an die Robinienhofschule

Unsere nächste Station war das Wohnheim der Lebenshilfe mitten in der Bornaer Innenstadt. Auch hier ein freundliches, offenes Gebäude und ein herzlicher Empfang. Jeder Wohnbereich ist individuell gestaltet und mit einer Küche ausgestattet, das großzügige Außengelände wird von den Bewohnern vor allem im Sommer gern und häufig genutzt.

Ein großes Problem der Zukunft, so die Lebenshilfe, sind Menschen mit Behinderung, die in den nächsten Jahren das Rentenalter erreichen. Da das betreute Wohnen an eine Arbeit in einer Werkstatt gekoppelt ist und die Entgeltsätze danach berechnet sind, müssen behinderte Menschen im Rentenalter eigentlich in ein Pflegeheim umziehen – nach unserer Meinung ein klarer Verstoß gegen das Recht auf Selbstbestimmung.

Blick ins schön gestaltete Außengelände in der Wohnstätte für behinderte Menschen in Borna

Im „Haus der Geborgenheit“, einem privaten Altenpflegeheim, wurde vor allem der Fachkräftemangel angesprochen, der bereits heute spürbar sei. Auch sei zu viel Zeit  für die Dokumentation aufzuwenden und die Zeiten für die Pflege zu knapp bemessen, da sie keine Betreuungsleistungen berücksichtige, sondern nur die reine „Behandlungspflege“, also das Blutdruck- und Blutzuckermessen, das Setzen der Insulinspritze etc. Der soziale Kontakt, den gerade alte Menschen so dringend brauchen, komme da viel zu kurz.

Besichtigung des Wohnbereiches mit offener Küche im Seniorenheim "Am Park"

Die Pflegedokumentation und der Fachkräftemangel waren auch Thema beim ASB, deren Seniorenheim „Am Park“ wir anschließend besuchten. Dort begeisterte uns vor allem das Wohngruppenkonzept: Jeweils 10 Bewohner teilen sich einen Gemeinschaftsbereich, in den eine offene Küche integriert ist. Der Tagesablauf wird mit den BetreuerInnen zusammen gestaltet – wer möchte, hilft beim Kochen oder bei der Hauswirtschaft, für die sich ebenfalls in jedem Bereich ein kleiner Raum befindet. Ich unterhielt mich z.B. mit einem Bäcker, der gerade interessiert die Nachrichten verfolgte „weil man ja wissen muss, was los ist in der Welt“ und der stets berät, wie lange Teig gerührt werden und bei welchen Temperaturen welcher Kuchen gebacken werden muss. Ihm gefiele es ausgesprochen gut hier im Heim, auch weil durch die großen Fenster alles so hell und freundlich ist und das Personal sich gut auf die hier lebenden Menschen einstelle.

Gespräch "Am Park"

Bei unserer Abendveranstaltung kamen noch einmal die verschiedensten Themen rund um das Thema Pflege und betreutes Wohnen zur Sprache. Vor allem wurde angeregt, die ganze Problematik unter den inzwischen veränderten Bedingungen neu zu betrachten: reichen die Entgeltsätze aus (berücksichtigen sie z.B. auch die steigendenden Kosten für Strom, Wasser etc. in den Einrichtungen?), sind die Schlüsselquoten von Betreuungspersonal zu Pflegepersonal noch zeitgemäß, wie kann eine selbstbestimmte Teilhabe von Rentnern mit geistiger Behinderung ermöglicht werden?

Der Tag hat gezeigt, dass hier bereits ein Umdenken stattfindet, sich die Engagierten vor Ort aber oftmals auch allein gelassen fühlen. Dabei haben sie tolle Ideen, bemühen sich durch interne Fortbildungen um ihr Personal, um dem Fachkräftemangel vorzubeugen, entwickeln Konzepte, damit Menschen z.B. aus dem betreuten Wohnen nicht noch einmal die Einrichtung wechseln müssen, wenn sich ihr Zustand verschlechtert.

Unsere Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen für Pflege zu schaffen, aber genug Platz für Pilotprojekte zu lassen. Denn manchmal zeigt wirklich erst die Praxis, welche Maßnahmen auf Dauer wirken. Doch wir sind darauf angewiesen. „Die Qualität einer Gesellschaft erkennt man an ihrem Umgang mit ihren alten und kranken Menschen“, heißt es. Wir wollen beste Qualität. Aber bis dahin ist es immer noch ein weiter Weg.

Ich danke allen, die an diesem für uns alle sehr interessanten Tag mitgewirkt haben.