Die Pflege pflegen

„Pflegeberufe haben einen besonderen Ethos: Pflegekräfte wollen, dass es den ihnen anvertrauten Menschen gut geht. Das macht es leicht, sie auszunutzen“, so Sabine Schrödel, stellvertretende Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe auf der Eröffnungsveranstaltung der Messe „Pflege + Homecare Leipzig“, die in der letzten Septemberwoche, am 27.09.2011, stattfand.

Außer ihr hatten auf dem Podium der „Aktuellen Stunde zum Jahr der Pflege“ Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste e.V., Jeanette Arenz, Leiterin der Abteilung Rehabilitation und Gesundheit beim PARITÄTischen Wohlfahrtsverband und Oliver Blatt, Leiter der Abteilung Gesundheit des Verbandes der Ersatzkassen e.V. Platz genommen. Ich war als Vertreter der Vesicherten eingeladen.

v.l.n.r.: Oliver Blatt (vdek), Jeanette Arenz (DER PARTÄTISCHE), ich, Sabine Schrödel (DBfK), Bernd Meurer (bpa), Dr. Uwe Preusker (Moderator) ⓒ Bildrechte bei Messe Leipzig

Bevor es in die Diskussion ging, schilderte Thomas Ilka, Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit, die Probleme, die sich im Laufe der Zeit bei der Erarbeitung eines Eckpunktepapiers zur Pflege herauskristallisiert haben, sodass diese mehr Zeit braucht, als ursprünglich veranschlagt. Zur Zeit wird über die Definition eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff gestritten, bei der der Grad der Hilfebedürftigkeit als Messwert dienen soll. Ob das praktikabel sei, wird gerade diskutiert. Weitere Bereiche sind die Ausbildung und Qualifizierung von Pflegekräften, die Frage der Entlohnung und damit verbunden auch die Bezahlbarkeit der Pflege, die pflegenden Angehörigen wurden von ihm angesprochen, ebenso ein von vielen gewünschter Bürokratieabbau. Abschließend sagte er, dass Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe nur gemeinsam gelingen kann, ein Punkt, in dem ihm jeder auf dem Podium zustimmte.

Leider war Herr Ilka terminlich gezwungen, die Veranstaltung gleich nach seiner Rede zu verlassen. Denn schnell wurde in der Podiumsrunde klar, was die in der Pflege Aktiven in erster Linie wollen: dass sich Politiker des Problems ernsthaft annehmen und eben auch aussprechen, dass Pflege inzwischen so umfangreich und teuer geworden ist, dass sie in Kürze mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Strukturen nicht mehr finanzier- und leistbar sein wird.

Das ist natürlich auch uns klar und ich sehe eine Stärke in der geführten Diskussion darin, dass jedem bei aller berechtigten Kritik daran gelegen war deutlich zu machen, dass ein Systemwechsel in der Pflege nur gelingen kann, wenn wirklich alle lösungsorientiert zusammen arbeiten.

„Pflegende Angehörige“ wurden als Möglichkeit der Entlastung angesprochen. „Ja, aber…“ war die Antwort von Frau Arenz. Denn einerseits ist die Finanzierung nicht geregelt, d.h. die wenigsten können es sich leisten, ihre Berufstätigkeit zugunsten der Pflege eines Angehörigen aufzugeben. Zum zweiten können Angehörige zwar entlasten, aber Profis niemals ersetzen.

Ich konnte aus meinen vielen, vielen Gesprächen im VdK berichten, dass die Menschen durchaus einsehen, dass Pflege viel Geld kostet, dass sie sogar bereit sind, mehr Geld dafür auszugeben, aber natürlich nur mit dem Wissen, dass sie auch wirklich gut versorgt werden, wenn es denn nötig ist.

ⓒ Messe Leipzig

Herr Meurer lenkte den Blick auf die in der Pflege Beschäftigten. Seiner Meinung nach braucht Pflege gerade alter Menschen eine ordentliche Portion Lebenserfahrung, die jemand, der gerade die Schule abgeschlossen hat, noch nicht haben kann. „Aber was ist mit den Frauen im Alter 40+, deren ursprünglich erlernten Berufe es gar nicht mehr gibt?“ Und was ist mit Migranten, die eine entsprechende Ausbildung haben, die jedoch hier nicht anerkannt ist?

Die letzte Aussage barg Zündstoff, denn sogleich wurden im Publikum Fragen laut, ob die Ausbildungsstandards in anderen Ländern genauso hoch seien wie in Deutschland. Denn der Fachkräftemangel darf nicht zu einem „Wir nehmen jeden, der in dem Beruf mal ausgebildet wurde, egal wie.“ führen.

Herr Blatt versachlichte die Diskussion über den Fachkräftemangel mit einem Einwurf, dass es den Fachkräftemangel in allen Bereichen gibt, er also nicht nur die Pflege betrifft. Und dass man sich an dieser Stelle auch mal die Frage nach der Kinderfreundlichkeit der Bundesrepublik stellen sollte, denn das seien schließlich die Fachkräfte von morgen. Vor allem aber, kam er dann auf sein eigentliches Anliegen zurück, sollten Fragen der Eingliederungshilfe und der Finanzierung nicht auf Kosten der Versicherten geführt werden. Hier sind eindeutig politische Lösungen gefragt!

Diesem Statement konnten sich alle im Saal nur anschließen. Und ich finde: Solange Pflege als Kosten-Nutzen-Rechnung betrachtet wird, muss sie über kurz oder lang immer schlechter werden. Das jedoch kann niemand wollen und dagegen wehren wir uns auch vehement. Ausländische Fachkräfte dürfen z.B. nicht dazu dienen, Pflege billiger zu machen. „Familienfreundlich“ heißt nicht zwangsläufig, dass sonntags nicht mehr gearbeitet wird. „Aber warum muss z.B. eine Frühschicht im Krankenhaus um 6 Uhr beginnen? Das habe ich nie verstanden“, so Frau Schrödel gegen Ende der Debatte.

Die Diskussionsteilnehmer haben gezeigt, dass es Ideen gibt, wie man besser und vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch effizienter arbeiten kann. Aber es gibt sie nun mal, die älteren und alten Menschen in unserer Gesellschaft, auch Menschen, die zwar jung sind, aber dennoch besonderer Fürsorge bedürfen. „Wie eine Gesellschaft mit ihren Schwächsten umgeht, zeigt, was für eine Gesellschaft es ist.“ heißt es. Wir sind bereit, dafür zu arbeiten, dass es eine bessere wird.