Politikerforum bei den Kulturtagen der Gehörlosen

Bereits das 4. Mal fanden die Sächsischen Kulturtage der Gehörlosen in Dresden statt, zahlreiche Veranstaltungen mit unterschiedlichsten Themen wurden angeboten. Doch neben der Kultur sollte auch die Politik zu Wort kommen. Deshalb hatte der Landesverband der Gehörlosen Sachsen e.V. Vertreter aller demokratischen Parteien des Sächsischen Landtages zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Teilhabe und konkret zur Problematik der Dolmetscherfinanzierung eingeladen.

jede Menge aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer beim Politikerforum zur Gebärdendolmetscherfinanzierung

Zunächst ging es aber allgemein um das Thema Inklusion und Teilhabe und auf welche Schwierigkeiten gerade gehörlose Menschen dabei stoßen. Schnell wurde klar, dass viele Informationen an gehörlosen Menschen aufgrund ihrer Behinderung einfach vorbei gehen. Wir haben erfahren: Die Beantragung für Hilfen zum Studium seien sehr langwierig.  Meisterschulen, Master-Studiengänge, Qualifizierungen oder auch zweite Bildungswege würden kaum oder gar nicht gefördert. Die Ausstattung mit Gebärdensprachdolmetschern auf kommunaler Ebene ließe zu wünschen übrig, da für diese nicht geklärt sei, ob und in welchem Maße sie eingesetzt werden müssen und wer sie bezahlt. Völlig unklar sei darüber hinaus, inwieweit z.B. Anspruch auf einen Sprachmittler bei der Freizeitgestaltung, aber auch bei der Ausübung eines Ehrenamtes bestünde.

v.l.n.r. neben mir Hanka Kliese (SPD), Elke Hermann (B90/Grüne), Martin Domke (Stadtverband der Gehörlosen Dresden e.V.), Jens Langhof (Landesverband der Gehörlosen Sachsen e.V.), Rudi Sailer (Präsident des Deutschen Gehörlosenbundes)

Fragen über Fragen und die Bitte  Möglichkeiten für gehörlose Menschen zu schaffen, die Plenardebatten zu verfolgen.

Im Laufe der Diskussion wurde ebenfalls klar: was wir als Entscheidungsträger brauchen, ist die Mitarbeit der Betroffenen selbst. „Inklusion? Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll“, hat neulich ein gehörloser Mann gegenüber Hanka Kliese geäußert. Deshalb war meine dringende Bitte an die Anwesenden, an uns heranzutreten und aktiv mitzuarbeiten. Denn Inklusion darf nicht bedeuten, dass wir Regelungen auf den Weg bringen, von denen wir glauben, dass sie gut sind – möglicherweise gehen sie nämlich völlig an den Bedürfnissen Gehörloser vorbei.

überraschend aus München angereist: Rudi Sailer, Präsident des Deutschen Gehörlosenbundes

Das bestätigte Rudi Sailer, Präsident des Deutschen Gehörlosenbundes, indirekt. Hinsichtlich der „Inklusiven Schule“ merkte er an, dass der Umgang mit Gebärdensprachdolmetschern gelernt sein will und z.B. einen gehörlosen Schulanfänger einfach überfordert. Aus dem Publikum kam darüber hinaus der Hinweis, dass ihre Identität für Gehörlose eine große Rolle spiele. Manche würden den Verlust ihrer Kultur durch die angestrebte Inklusion befürchten. Jens Langhof, Vorsitzender der Landesverbandes der Gehörlosen Sachsen, rief daher das zahlreich erschienene Publikum auf: „Wir müssen entscheiden, wie wir teilhaben wollen. Nicht andere sollen das für uns entscheiden.“

Ich denke, der Vormittag war für uns alle eine Bereicherung. Für uns Hörende, die wir z.T. völlig hilflos waren, wenn uns Gebärden nicht übersetzt wurden, aber auch für die Veranstalter, die zwar „ihre“ Leute im Blick hatten, aber erst am Schluss feststellten, dass ihre Ausstellung für mich nicht barrierefrei zugänglich war.

Immer alle im Blick haben – das wird die Herausforderung der nächsten Jahre sein. Obwohl ich natürlich hoffe, wir sind da doch etwas schneller.