AD(H)S-Fachtagung in Frankenberg

Am 8. November 2011 nahm ich in Vertretung für den Präsidenten des Sächsischen Landtages an einer Fachtagung AD(H)S* teil. Das passiert auch nicht alle Tage, dass eine Veranstaltung mit Verzögerung beginnt, weil noch sehr viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ihre Einschreibung warten, so viele Gäste waren gekommen. Und wie groß der Leidensdruck von Betroffenen, aber auch ihren Angehörigen, Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern ist, wurde schnell deutlich.

Thomas Nitsche, Vorsitzender des Landesverbandes AD(H)S, warb vor allem um Akzeptanz. „Die Betroffenen sollen nicht ausgegrenzt werden.“, bat er eindringlich in seiner Begrüßung.

Ramona Wiedemann, Mutter eines von AD(H)S betroffenen Sohnes, las aus ihrem Buch „Chaos oder Chance“, in dem sie die Entwicklung ihres Kindes von den ersten Auffälligkeiten bis zur Lehrausbildung nicht ohne Humor schildert. Nicht wenige nickten an der einen oder anderen Stelle.

Lesung von Ramona Wiedemann aus "Chaos oder Chance"

Stephan Pöhler, Behindertenbeauftragter der Staatsregierung, wies darauf hin, dass AD(H)S insgesamt noch zu wenig wahrgenommen wird. AD(H)S im Kinder- und Jugendalter sei schon recht gut erforscht, was aber ist mit betroffenen Erwachsenen? AD(H)S sei keine separate Angelegenheit der Behinderten, sondern eine Angelegenheit der Gesellschaft. Den Weg in deren Bewusstsein habe das Krankheitsbild inzwischen gefunden, um aber auch zu Akzeptanz zu gelangen, muss die Arbeit der Selbsthilfegruppen und Betroffenen weiterhin konsequent erfolgen.

AD(H)S tritt bereits im frühen Kindesalter auf und ist nicht heilbar. Sie äußert sich u. a. in leichter Ablenkbarkeit, mangelndem Durchhaltevermögen, Problemen in der Selbststeuerung, niedriger Frustrationstoleranz, impulsivem Verhalten, Zappeligkeit und Ungeschicklichkeit. Hinzu kommen oftmals eine seelische Entwicklungsverzögerung, aber auch ein extrem ausgeprägter Gerechtigkeitssinn.

Wie schwer es ist, eine AD(H)S zu diagnostizieren, kam im Vortrag von Prof. Dr. Manfred Döpfner, Professor für Psychotherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum der Universität zu Köln, zum Ausdruck. Er stellte nicht nur den Stand der Forschung dar, sondern erklärte auch Diagnoseverfahren und wies auf den Aspekt der Behinderung durch AD(H)S hin. Diese entstünde durch die Beeinträchtigung von Alltagsfunktionen. Deshalb sei es auch so wichtig, gemeinsam mit den Betroffenen herauszufinden, worin ihre Probleme bestehen, was sie ganz persönlich an ihrer Teilhabe an der Gesellschaft behindert. Gleichermaßen müssten vor allem die Lehrer und Erzieher in den Diagnoseprozess einbezogen werden, da sich die Symptome in fremdbestimmten Situationen (zu denen die Schule nun einmal gehört) in der Regel verstärken. Wichtig sei es, so Dr. Döpfner, für jedes Kind das Niveau zu finden, auf dem es gut arbeiten kann.

Dr. Döpfner bei seinem Vortrag über leitliniengerechte Diagnostik und Therapie

Damit hat er ein Problem angesprochen, das wir mit Hilfe der „Inkusiven Schule“ lösen wollen. Denn „Begabungen gehen durch AD(H)S nicht automatisch verloren.“

Das Buch von Frau Wiedemann heißt „Chaos oder Chance“. Ich finde: jeder hat seine Chance verdient.

*AD(H)S = Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, nähere Informationen zu AD(H)S finden Sie hier.