Hohenstein-Ernstthal, Bergstadt ohne Barrieren?

Nach meinem Besuch im Kindergarten wollten wir gleich einmal herausfinden, wie barrierefrei Hohenstein-Ernstthal ist. Dazu versammelten wir uns mit dem Dezernenten und Beigeordneten Lars Kluge (CDU) vor der Kita. Mit auf den Weg machten sich Karin Kämpf (Ortsvorsitzende der LINKEN), Barbara Müller (LINKE Stadträtin), Attila Jaszter (Medizintechniker und Rolliexperte), mein Mitarbeiter Marcel Gürnth und meine persönliche Assistenz Katrin Pritscha.

Von der August-Bebel-Straße ging es durch den sich gerade noch im Bau befindlichen Tunnel unter der Bahnstrecke zum Bahnhof. Dieser ist vollumfänglich barrierefrei ausgestattet, sowohl mit Aufzügen als auch mit Markierungen und Riffelplatten für Blinde und Sehbehinderte.

barrierefreier Zugang zu den Bahnsteigen

Herr Kluge zeigte sich dankbar für jede Erläuterung und sicherte zu, den Fragen der Barrierefreiheit künftig noch mehr Beachtung zu schenken.

Stadtrundgang mit Herrn Kluge (CDU), Barbara Müller (LINKE) und Karin Kämpf (LINKE)

Vom Bahnhof aus ging es schon recht steil bergan, erst zu einem Ärztehaus (barrierefrei) danach zum Amtsgericht. Der Zugang durch die Hintertür ist problemlos möglich, nachdem man geklingelt hat. Später haben wir auch gesehen, dass am Haupteingang ein deutlicher Hinweis zum rückwärtigen Zugang angebracht ist.

keine abgesenkten Bordsteine an der Straße am Arbeitsamt

Ganz anders verhält es sich beim Arbeitsamt. Keine abgesenkten Bordsteine, holpriges Straßenpflaster und kein Hinweis auf den barrierefreien Hofeingang an der Rückseite des Gebäudes. Zudem ist der dort befindliche Behindertenparkplatz nur durch Aufzeichnung auf das Pflaster gekennzeichnet – sobald Laub darauf liegt, ist er kaum noch zu erkennen. Auch sonst sind einige Abteilungen des Jobcenters nicht barrierefrei zu erreichen und ein geplanter Umzug in nicht barrierefreie Räumlichkeiten wird der selbstbestimmten Teilhabe von Menschen mit Behinderungen den Gang „zum Amt“ noch viel schwerer machen, als er ohnehin schon ist, oder ihn gleich ganz unmöglich machen.

einen Hinweis auf den Behindertenparkplatz im Hof sucht man am Arbeitsamt vergeblich

„Das“, so Herr Kluge „darf so nicht sein, da frage ich nach.“

Ein ähnliches Bild bot sich bei der Wohnungsgesellschaft, die nur über eine kleine, aber für Rollifahrer dennoch ohne Hilfe nicht überwindbare Stufe zu erreichen ist. Herr Kluge stellte fest: „Hier besteht eindeutig Handlungsbedarf.“

ohne Hilfe kommt kein Rollifahrer zur Wohnungsgesellschaft

Dass Hohenstein-Ernstthal eine Bergstadt ist, bekamen wir spätestens auf dem Weg zum Rathaus zu spüren. Und das Bürgerbüro erwies sich durch Pflasterbelag und starkes Gefälle nach drei Seiten als nahezu unerreichbar für Rollifahrer ohne Hilfe, aber auch für Menschen mit Kinderwagen, Gehhilfen und Rollatoren. Drinnen gingen die Schwierigkeiten weiter: eine vorhandene Rampe passt nicht und wird daher eher zur Unfallgefahr als zu Hilfe.

solche Steigungen bereiten auch Menschen mit Kinderwagen, Rollatoren u.ä. Schwierigkeiten

Anders das Rathaus: zwar wäre hier ein elektrischer Türöffner wünschenswert, aber man kommt überall hin, es ist hell und freundlich und gut beschildert.

Im anschließenden Auswertungsgespräch zeigte sich Herr Kluge sehr aufgeschlossen. Leider gibt es noch einige, vor allem kulturelle Einrichtungen in der Stadt, die noch nicht von jedermann genutzt werden können. Jedoch werde sich um einen barrierefreien Ausbau auch dieser bemüht. Gerade Geld aus dem Konjunkturpakt II fließe in solche Projekte sowie in den barrierefreien Ausbau von Kindergärten und Schulen. Der Grundstein für die neue Mittelschule werde demnächst gelegt.

Ich habe Hohenstein mit einem sehr positiven Gefühl verlassen. Und ich werde wiederkommen.