Aktionstag der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe in Zwickau

Am 15. September 2016 fand auf dem Zwickauer Schumannplatz der Aktionstag der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe statt. Diese wird seit 25 Jahre von der Stadtmission Zwickau betrieben.

Am Eingang zum Schumannplatz - unter dem Transpi ein BMW...

Wer über Wohnungslosigkeit spricht, kommt an dem Thema Armut nicht vorbei. Und diese hat viele Gesichter. Das machte Professor Dr. Harald Wagner, Sozialwissenschaftler an der EHS Dresden, in seinem Eingangsreferat deutlich. Armut zeichnet sich nicht allein dadurch aus, dass jemand hungert, keine Kleidung hat oder in der Wohnung friert, weil er sich die Heizkosten nicht leisten kann. Von Armut spricht man auch, wenn dem Einzelnen die Teilhabe an Aktivitäten verwehrt bleibt – etwa ein Besuch im Theater oder Kino, Essen gehen usw. Auch emotionale Armut, Vereinsamung gehören dazu.

v.l.n.r.: Petro Richter, Rotraut Kießling, Prof. Dr. Wagner, Rolf Schlagmann (Moderation) und Wolfgang Wetzel

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde neben Professor Wagner außerdem von Wolfgang Wetzel (Leiter der Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes Zwickau), Rotraut Kießling (Fachreferentin Wohnungslosenhilfe Diakonisches Werk) und Petro Richter (Abteilungsleiter Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe der Stadtmission Zwickau e. V.) bestritten. Hier kam noch mal sehr deutlich zum Ausdruck, dass jeder armutsgefährdet ist, der wenig Möglichkeiten zur Teilhabe hat. Darum ist es zwar wichtig und richtig von Integration zu sprechen, also dem Ziel Menschen die „rausgeflogen“ sind, wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Und genau da setzt die Arbeit der Wohnungslosenhilfe an. Doch viel wichtiger wäre eine inklusive Gesellschaft, die jeden mitnimmt und keinen zurücklässt, die jedem entsprechend seiner Möglichkeiten teilhaben lässt am gesellschaftlichen Leben, die somit vorbeugend verhindert, dass Menschen überhaupt erst „rausfliegen“.

Vielfältiges Angebot an Speis und Trank

Noch vor Jahren war es möglich, dass die Wohnungslosenhilfe die Stadträte mit einem Bus zu den Orten bringt, wo sich Wohnungslose aufhalten. Damals, so berichtete Petro Richter, kannte man jeden Einzelnen der etwa 60 Wohnungslosen in der Stadt Zwickau noch persönlich. Das sei nun anders. Aktuell gibt es etwa 300 Wohnungslose, von denen man weiß. Dazu kommen viele nicht erfasste aber auch zahlreiche Kinder und Jugendliche, die mal hier mal dort aufhalten, bei Freunden oder Bekannten nächtigten. Die Dunkelziffer sei hoch.

Die Ursachen für Wohnungslosigkeit sind vielfältig. Jobverlust, Trennung, Krankheit – all das kann dazu führen, dass man die Miete nicht mehr zahlen kann. Innerhalb weniger Monate ist es möglich, dass Menschen der unteren Mittelschicht aus dem „normalen“ Leben rausfliegen und sich auf der Straße wiederfinden. Und wer einmal ohne Wohnung ist, findet nur schwer den Weg zurück. Denn ohne Wohnung kein Job und ohne Job keine Wohnung. Die Sicherungssysteme greifen da nur bedingt, denn mit der Einführung von Arbeitslosengeld II steht den Menschen weniger zur Verfügung als früher im alten Sozialhilfesystem mit den Einmalhilfen wie Bekleidungsgeld, Unterstützungen bei Ersatzbeschaffungen wie Kühlschrank, Waschmaschine usw. oder zur Wohnungsrenovierung. Die hierfür nötigen finanziellen Mittel wurden in viel zu geringem Maße bei der Festlegung des Regelsatzes berücksichtigt. Daher fordert die CARITAS auch eine Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes um mindestens 70 Euro.

selbstgefertigte Artikel aus Holz

Hilfe für Wohnungslose ist eigentlich eine kommunale Aufgabe, die jedoch wie vieles andere privatisiert wurde. Es ist in erster Linie das ehrenamtliche Engagement von Vereinen und deren Mitgliedern und Helfern die versuchen, die Not zu lindern und den Menschen Optionen zur Rückkehr ins „normale“ Leben zu eröffnen. Die Aufgaben  und der Bedarf an Hilfsangeboten, darauf wies Herr Wetzel hin, sind in den letzten Jahren stetig gestiegen, die Ressourcen, diese Aufgaben zu erfüllen sind jedoch gleich geblieben. Dies ist auch in der Suchtberatung zu spüren, wo es ebenfalls eigentlich viel mehr Personal braucht um den tatsächlichen Bedarfen gerecht zu werden. Wichtig ist zu hinterfragen, wie in der Gesellschaft Mitgefühl wieder einen größeren Stellenwert erhalten könne. Wer gegenüber anderen kein Mitgefühl empfindet, ist ebenfalls arm – so seine Ausführung.

Aktuell ringt man mit dem Landkreis um einen Leistungsvertrag, um ein Projekt des begleiteten Jungendwohnens für 14 aktuell wohnungslose Jugendliche starten zu können. Wenn das gelingt, könnte man 14 jungen Menschen den Weg zurück in die Gesellschaft ebnen.

Sozialreferentin Rotraut Kießling verwies in ihren Ausführungen auf einen anderen, sehr wesentlichen Aspekt: Der soziale Wohnungsbau. Wir kennen diese Debatte vor allem aus den Großstädten wie Berlin, Leipzig, Dresden. Doch eigentlich ist es ein bundes- und landesweites Thema. Im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU ist festgeschrieben, den sozialen Wohnungsbau voranzubringen. Bisher ist in dieser Richtung nichts geschehen. In Sachsen gebe es noch nicht einmal eine Statistik, wie viele Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen bzw. bedroht sind. Es brauche, so Frau Kießling eindringlich, dringend eine gesetzliche Richtlinie für sozialen Wohnungsbau, damit auch zukünftig Menschen mit niedrigen Einkommen Wohnraum finden und eine gute Durchmischung in den Wohngebieten erhalten bleibt.

Ein interessanter Tag, der viele Fragen aufwarf und schon jetzt kann ich sagen, dass wir im Gespräch bleiben werden. Schade, dass seitens der Kommunalpolitik außer der Oberbürgermeisterin Pia Findeiß niemand anwesend war – mir ist jedenfalls niemand sonst aufgefallen. Das Thema der Wohnungslosigkeit geht uns alle an und wir alle sind gefordert, die Augen vor in Not geratenen Menschen nicht zu verschließen. Jeder einzelne kann seinen Teil beitragen zu einer besseren, menschenwürdigeren Gesellschaft. Das fängt schon beim eigenen Kauf- und Nutzungsverhalten an.

JENS SPONTAN für die musikalische Untermalung - gleich zu Beginn mit Junimond von Rio Reiser

Eines möchte ich noch kurz anmerken, weil es mich an dieser Stelle überraschte. Der Leiter der Suchtberatung Herr Wetzel, Professor Dr. Wagner und auch Petro Richter sprachen sich für die Einführung eines BGE aus. Die aktuellen Sicherungssysteme schaffen es nicht, herausgefallene Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Es sei Zeit etwas Neues zu probieren und das BGE gäbe die Möglichkeit, ohne Bedarfsprüfungen und Sanktionen für eine Grundsicherung zu sorgen und allen Menschen gleichermaßen die Möglichkeit zur Teilhabe zu geben. Interessant… die Debatte ist nötig!