Tag der offenen Tür in der Sozialtherapeutischen Wohnstätte in Zwickau

Wer hierzulande unter psychischen Störungen leidet, hat es meist nicht leicht mit seinen lieben Mitmenschen. All zu oft sind Betroffene ebenso wie ihr Umfeld mit Vorurteilen konfrontiert. Und diese reichen von Angst vor scheinbarer Gefährlichkeit bis hin zur Meinung, die wollen sich nur drücken. Doch ganz gleich welcher Art von Vorurteil im konkreten Fall vorliegt, es führt in jedem Fall zu noch mehr Isolation der betroffenen Person selbst.
Psychische Erkrankungen sind nicht ansteckend und sie werden auch nicht vererbt, obgleich die Veranlagung dazu schon auch genetische Ursachen haben kann. Nicht jeder hat ein dickes Fell und jeder Mensch geht mit traumatischen Ereignissen in seinem Leben anders um. Diese zu bewältigen gelingt dem einen besser als dem anderen und manche benötigen intensive Unterstützung. Die Ursachen sind so vielfältig wie die möglichen Störungen selbst, können dramatische Ereignisse wie ein Unfall oder der Verlust eines nahen Angehörigen, aber auch Erkrankungen sein. Eines haben die Betroffen jedoch alle gemeinsam, sie benötigen Hilfe zur Bewältigung des Alltags in unterschiedlicher Intensität.

Wohnraum einer Wohngruppe der Wohnstätte

Die seit 1998 bestehende Sozialtherapeutische Wohnstätte bietet hierzu umfassende Möglichkeiten in einem Stufenprogramm. Hier erhalten bis zu 32 Erkrankte eine 24-stündige Betreuung, in der sie an normale Alltagsaufgaben und Abläufe wieder herangeführt werden. Sie lernen wieder in festen Tagesstrukturen zu leben, Aufgaben zu übernehmen und sich über zunehmend längere Zeiträume zu konzentrieren. Ergotherapie und die kleine Werkstatt in der Wohnstätte bieten hierfür vielfältige Möglichkeiten. Die hier gefertigten Arbeiten verdienen Anerkennung und können gegen ein kleines Entgelt käuflich erworben werden.

Küche und Essbereich einer Wohngruppe

Sozialtherapeutische Wohnstätte und Außenwohngruppen

Ziel der Sozialtherapeutischen Wohnstätte ist es, ihre Bewohner fit zu machen für ein eigenständiges Leben in einer eigenen Wohnung. Wem das nicht möglich ist zu erreichen, der kann dauerhaft hier bleiben. Alle anderen werden aber nicht aus der 24-Stunden-Betreuung ins kalte Wasser geworfen. Stufenweise werden sie an ein immer selbständigeres Leben herangeführt mit immer weniger Unterstützung und der Option, wieder in die vorherige Stufe zurückkehren zu können. Aus der Wohnstätte geht es zunächst in die Außenwohngruppe 1, die sich auf dem Gelände der Wohnstätte befindet. Diese räumliche Nähe bietet gerade durch den ständig möglichen Kontakt zu den BetreuerInnen der Wohnstätte große Sicherheit. Wer diese Stufe erfolgreich schafft, zieht um in die zweite Außenwohngruppe. Hier ist schon eine recht große Selbständigkeit erforderlich. Die Bewohnerinnen und Bewohner müssen selbständig ihren Alltag meistern und zur Arbeit in der Behindertenwerkstatt oder auf dem ersten Arbeitsmarkt gehen. Die meisten arbeiten in der Mauritiuswerkstatt, einige auch in der Lukaswerkstatt. Die Betreuung erfolgt hier stundenweise, richtet sich aber auch hier nach den Bedürfnissen und Erfordernissen der BewohnerInnen. Wohnlich eingerichtet ist hier auf den ersten Blick nicht zu sehen, dass es sich um eine betreute Wohngruppe handelt. Sehr positiv ist der gute Kontakt der BewohnerInnen der Außenwohngruppe zur übrigen Hausgemeinschaft, was sicher nicht überall selbstverständlich ist.

in der Ergotherapie entstandene Arbeiten

Wer auch diese Etappe erfolgreich absolviert hat, wobei jede Etappe von Mensch zu Mensch unterschiedlich lang sein kann, zieht in seine eigene Wohnung und bekommt 1.400 Euro Starthilfe zur Erstausstattung. Wer sich schon mal eine eigene Wohnung eingerichtet hat, weiß, dass das nicht viel ist selbst dann, wenn man vorwiegend auf Möbel aus Sozialkaufhäusern zurückgreift. In der eigenen Wohnung sind die Erkrankten weitestgehend auf sich allein gestellt, bekommen aber auch hier über einen gewissen Zeitraum Unterstützung, wenn fragen oder Probleme auftauchen. Wichtig ist: wer es in der eigenen Wohnung nicht schafft, kann zurück in die Wohnstätte.

Werkstatt innerhalb der Wohnstätte

Soweit zu den groben Abläufen. Zum Tag der offenen Tür gab es noch weit mehr Informationen. Beispielsweise dass für die Erkrankten eine Verpflegungspauschale von 4,15 Euro pro Person und Tag zur Verfügung steht. Davon gehen allein schon (ab Januar 2017) 2,50 Euro fürs Mittagessen weg, welches in einer der beiden Großküchen der Betreuungsgesellschaft frisch zubereitet wird. Von dieser Verpflegungspauschale müssen aber auch Kochkurse, Grillabende oder Feste mitfinanziert werden. Da ist eine ganze Menge logistischen Geschicks und Aufwands erforderlich, um das mit diesem Budget hinzubekommen. Die Kosten für das Personal werden vom Kommunalen Sozialverband Sachsen übernommen. So steht täglich für vier Stunden eine Ergotherapeutin zur Verfügung. Das Material für die Ergotherapie hingegen muss die Wohnstätte aus anderen Mitteln bestreiten. Hierfür aber auch für Ausflüge und den jährlichen Urlaub werden Fördermittel beantragt, etwa bei der Aktion Mensch. Es hat mich unglaublich beeindruckt, mit welchen Engagement die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung hier agieren und versuchen, auch mit geringen Mitteln den BewohnerInnen im Tages- und Jahreslauf immer wieder kleine und große Höhepunkte zu schaffen und dabei selber immer ein Lächeln auf den Lippen und Strahlen in den Augen haben.

Entspannungsraum in der Wohnstätte. Die Bewohner halfen beim renovieren

Die Senioren – Außenwohngruppe

Nach der Wohnstätte und dem Besuch in der Außenwohngruppe II ging es noch in die Senioren-Außenwohngruppe. Diese war vor zwei Jahren innerhalb von nur zwei Monaten praktisch aus dem Boden gestampft worden, weil ein anderer Träger seine Wohnstätte kurzfristig geschlossen hat. Neun Bewohnerinnen und Bewohner fanden in der Wohngruppe in der Werdauer Straße ein neues zu Hause. Wie wir von der Leiterin der Wohngruppe erfuhren, waren die Möglichkeiten aller bei Einzug sehr begrenzt und mit der jetzigen Situation nicht vergleichbar. Alle konnten erfolgreich aktiviert werden und haben eine ganze Reihe von Fähigkeiten zurückerlangt. Ein Bewohner konnte inzwischen sogar in eine eigene Wohnung ziehen, obgleich das nicht das vornehmliche Ziel der Seniorenwohngruppe ist. Gemütlich eingerichtet vermittelt sie den Eindruck einer Wohngemeinschaft. Der im Haus befindliche Fahrstuhl ist allerdings nicht wirklich sinnvoll, muss man doch dennoch mehrere Stufen allein bewältigen. Barrierefrei sieht anders aus und ist sicher mit Blick auf die (zunehmende) körperliche Verfassung der SeniorInnen kritisch zu sehen. Dass dies so ist, war der Kurzfristigkeit geschuldet, mit der die Wohngruppe entstand und Abhilfe ist bereits auf dem Weg. Im Wohnblock der Außenwohngruppe II wird die gesamte untere Etage barrierefrei aus- und umgebaut und nach Ende der Baumaßnahme zieht die Seniorenwohngruppe um. Auch hier zeigt sich das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit sehr viel Wärme und Herzlichkeit agieren.

Wohnbereich in der Außen-Seniorenwohngruppe.

Ich bedanke mich ganz herzlich für die gewährten Einblicke und wünsche allen – Bewohnerinnen und Bewohnern sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gleichermaßen – viel Erfolg, Glück, natürlich Gesundheit und viel Freude im gemeinsamen Miteinander!