Kleines Handicap, große Behinderung

So lautete der Titel bei Dienstags direkt, einer Sendung des MdR 1 Radio Sachsen, deren Gast ich sein durfte. Gemeinsam mit Barbara Kleppsch (Ministerin für Soziales und Verbraucherschutz), Martin Wallmann (Geschäftsführer des Epilepsiezentrums Kleinwachau und des Inklusionsunternehmens „paso doble“) und Barbara von Heeremann (Zweite Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen sowie Mitglied im Lebenshilfe Ortsverband Sachsen) diskutierten wir rund um das Thema Barrierefreiheit. Gleich zu Beginn standen wir dann auch vor der ersten Frage um nicht zu sagen Herausfroderung: Wie sagt man es denn nun richtig – Menschen mit Behinderung, Behinderte, behinderte Menschen, Menschen mit Beeinträchtigung oder Handicap – wenn man ausschließen will, dass der Gegenüber sich verletzt oder gar beleidigt fühlt. Gar nicht so einfach und eigentlich doch: denn wir alle sind Menschen und wir alle haben unsere kleinen und großen Schwächen, die manchmal auch beeinträchtigen und vor allem unsere Stärken. Wirklich behindert werden wir durch die Rahmenbedingungen in der Umgebung und der Gesellschaft, welche individuelle Besonderheiten des Einzelnen zur Herausforderung werden lassen.

Treppen im Stadtbild - hier in Kirchberg

Ein großer Themenkomplex ist die Barrierefreiheit, die zumeist mit ungehindertem Zugang zu Einrichtungen, Plätzen, Wohnungen usw. in Verbindung gebracht werden. Und dann steht schon mal der Denkmalschutz konträr zur Barrierefreiheit, was aber gar nicht sein muss. Auch ein historisch gepflasterter Marktplatz kann so gestaltet sein, dass er weder für Rollstuhlfahrer, noch Sehbehinderte oder Frauen mit Absatzschuhen zur Unfallquelle werden. Hierfür gibt es längst geeignete Methoden und Materialien, die den denkmalschützerischen Aspekten ebenso gerecht werden wie den Anforderungen an Barrierefreiheit. Dennoch ist der Umbau bestehende Gebäude nach den Richtlinien der Barrierefreiheit mit einigen Kosten verbunden, weil beispielsweise Türen mit niedriger Türklinke Sonderanfertigungen sind. Die passende und wohl einfachste Antwort gab Herr Wallmann: Warum nicht einfach die Richtlinien für Barrierefreiheit zum Standart erheben? Dann wären zum Beispiel die Türen mit niedrigen Türklinken der Standartwert und günstiger in der Anschaffung. Das Beispiel zeigt, dass es manchmal nur kleiner Änderungen in der Herangehensweise bedarf, um Lösungen zu finden.

Rollstuhltanz - meine bevorzugte Sportart

In unserer Sendung ging es freilich nicht nur um barrierefreies Bauen und Wohnen. Inklusives Lernen im normalen Klassenverband, Inklusion am Arbeitsmarkt, Freizeit- und Sportangebote für Menschen mit Beeinträchtigungen, welche Vorteile bietet die Assistenz und wie bekomme ich sie und viele weitere Fragen standen im Mittelpunkt der zweistündigen Sendung, die Hier nachgehört werden kann.
Eines möchte ich aber auch hier noch mal ganz deutlich sagen: Es ist nicht nur an den Menschen ohne Beeinträchtigung „Rücksicht“ zu nehmen. Wir, die wir auf bestimmte Hilfsmittel wie Rollstuhl, Blindenstock usw. angewiesen sind, müssen auch noch mehr lernen zu sagen, wenn und welche Unterstützung wir brauchen und für unsere Rechte eintreten. Gleichberechtigte Teilhabe einzufordern und zu leben, Angebote zu nutzen und selber (mit) zu gestalten müssen wir schon selber tun – ganz selbstbestimmt und eigenverantwortlich. Und noch eine Bitte, weil es doch immer wieder zu Hilflosigkeiten auf beiden Seiten kommt: Um Hilfe zu bitten, sollte ganz selbstverständlich sein ebenso, wie Hilfe anzubieten. Ich wünsche mir, dass keiner mehr wegschaut, weil er nicht weiß, wie er Hilfe anbieten soll. Wenn Sie den Eindruck haben, ihr Gegenüber benötigt Unterstützung, so fragen sie einfach ob und wie sie helfen können und dürfen. Es ist in jedem Fall eine freundliche Geste und häufig willkommene Unterstützung, die wir alle in der einen oder anderen Situation brauchen und die den Tag und unsere Gesellschaft ein klein wenig freundlicher und wärmer macht.