Geboren um zu leben – geblieben um zu reden

So in etwa könnte man mit acht Worten beschreiben, was das Leben von Justin Sonder ausmacht. Geboren vor über 91 Jahren in Chemnitz, kehrte er nach dem Krieg in seine Geburtsstadt Chemnitz zurück. Nicht jeder seiner früheren Weggefährten konnte diesen Schritt damals verstehen. Doch was ist so besonders daran, dass es ihm nun die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt einbrachte?

Foto: Susanne Scharper

Justin Sonder wurde 1825 in Chemnitz geboren. 1941 beendete er die Schule. Die anknüpfende Kochlehre konnte er jedoch nicht fortsetzen, da er noch im gleichen Jahr zur Zwangsarbeit eingeteilt wurde. Als Jude hatte er schon in dieser Zeit mit den Rassegesetzen zu kämpfen, die die Nazis gegen die Juden erlassen hatten. Bestimmte Berufe waren tabu, Bänke in den Parks durften sie nicht benutzen und vieles mehr schränkte das Leben stark ein. Doch am schlimmsten war die tägliche Angst, ebenso wie bereits Tausende und Abertausende Jüdinnen und Juden vor ihm verschleppt und in den Konzentrationslagern ermordet zu werden. 1943 wurde er deportiert und landete im Konzentration Auschwitz, Überlebende waren hier eigentlich nicht vorgesehen. Wer noch arbeiten konnte, wurde zu dieser gezwungen. Alle anderen gingen unmittelbar nach ihrer Ankunft ins Gas. Nur wenige Menschen haben die Hölle von Auschwitz überlebt, Justin Sander war und ist einer von ihnen. Nach der Befreiung des KZ Auschwitz war Justin Sander einer von ganz wenigen, die zurück in ihre Geburts- und Heimatstädte in Deutschland gingen. „Was willst Du in diesem Mörderland“ wurde er von einem französischen Freund gefragt, dessen Einladung mit nach Frankreich zu gehen, er ablehnte.

Foto: Susanne Scharper

Er blieb. Er blieb in Deutschland, dem Land, das über 6 Millionen Jüdinnen und Juden in eine grausamen Tod schickte. Er blieb, um zu reden. Er blieb, um nachfolgenden Generationen zu erzählen, wie das war, als die Faschisten an die Macht kamen, als Juden nur noch Menschen zweiter Klasse waren, weniger wert als Vieh. Er erzählte, wie es war, wenn immer mehr Bekannte, Freunde, mit denen er zur Schule ging, verschwanden und nie wiederkehrten, von der Angst eines Tages selbst dazuzugehören und der Ungewissheit, was mit Freunden und Angehörigen passiert war. Er erzählte und erzählt bis heute wie der KZ-Alltag war und auch über das Gefühl, am Leben zu bleiben. Wie es ist, als einer von wenigen den industriellen Massenmord an den Jüdinnen und Juden, den Holocaust zu überleben, kann wohl keiner von uns wirklich nachvollziehen geschweige denn begreifen. Für Justin Sander war es Auftrag und Verpflichtung, sein Wissen, seine Erfahrung an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Nur wenn nachfolgende Generationen um die Gräuel aber und gerade auch um die Entstehung der faschistischen Diktatur wissen, können sie aus der Geschichte für die Zukunft lernen. Über das dunkelte Kapitel Deutscher Geschichte von einem zu hören, der es selber er- und überlebt hat, ist etwas anderes, als es aus Büchern oder Filmen zu erfahren.

Foto: Susanne Scharper

Justin Sonder hat in mehr als 500 Veranstaltungen insbesondere vor Schulklassen jenen ein Gesicht gegeben, die sich hinter der kaum vorstellbaren Zahl von 6 Millionen verbirgt. „Er habe sie durch die Zeiten getragen“ sagte Laudator Christoph Heubner, der geschäftsführende Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Kommitees, und hielt so die Erinnerung an sie wach.  Dafür gebührt ihm allerhöchster Respekt. Und dieser wurde ihm im Festakt zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft von Chemnitz, seiner Geburtsstadt, zuteil. Sander selbst sagte: „Was ich als junger Mensch erleben musste, darf nie wieder geschehen!“ – In diesem Sinne lasst uns weiter und immer und überall für ein solidarisches Miteinander über Länder-, Partei- und Konfessionsgrenzen hinaus streiten! Justin Sander wünsche ich auch weiterhin allerbeste Gesundheit und viel Kraft und Freude im Kreise seiner großartigen Familie und im Kreise all jener, die ihm zur Seite stehen und Weggefährten wurden und sind!