Selbstbestimmte Teilhabe auch beim Kirchbesuch

Barrierefreiheit ist die Voraussetzung für selbstbestimmte Teilhabe aller Menschen am täglichen Leben in allen Bereichen. Dabei geht es bei den Fragen der Barrierefreiheit meist um Haltestellen und Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs, um Zugänge zu öffentlichen Gebäuden und Kultur- und Sportstätten und selbstverständlich um barrierefreien Wohnraum und Wohnhäuser. Und in all diesen Bereichen ist noch immer eine ganze Menge zu tun. Allein die barrierefreien Haltestellen sind gerade im ländlichen Raum eine riesige Herausforderung. Dennoch gibt es einen Bereich, der in der öffentlichen Debatte um Barrierefreiheit und selbstbestimmte Teilhabe für Menschen mit Beeinträchtigung kaum oder gar nicht vorkommt: Ausübung des Glaubens. Nun mag manch einer sagen, Glaube ist Privatsache, warum soll man da auf Barrierefreiheit achten und außerdem betrifft das nur wenige. Doch auch ins Theater oder ein Stadion geht nicht jeder, dennoch wird Barrierefreiheit hergestellt, damit auch Menschen mit Beeinträchtigungen selbstbestimmt entscheiden können, ob sie ins Theater/Stadion gehen wollen oder nicht. Gleiches sollte aus meiner Sicht für den Besuch von Gottesdiensten in der Kirche gelten. Zumal viele Gemeinden auch Konzerte und andere Veranstaltungen in ihren Kirchen anbieten, welche nicht nur für Gläubige sondern für alle Interessierten offen sind. Doch schaut man sich um, so scheitern Menschen mit einer Gehbehinderung gerade bei alten Kirchen oft schon an den Stufen zum Eingang. Der Dom in Zwickau etwa – Veranstaltungsort zahlreicher Konzerte auch des Theaters Plauen Zwickau –  hat im Eingangsbereich einige Stufen und um hinein zu gelangen, muss man sich etwa als Rollstuhlfahrer anmelden, damit eine mobile Rampe angelegt wird. Ohne Begleitperson geht da also nix, selbstbestimmt ist Fehlanzeige. Anders schaut das bei jüngeren Kirchbauten aus, wie etwa St. Franziskus in Zwickau-Planitz oder auch der Heiligen Familie in Zwickau Marienthal. Beide verfügen über einen ebenerdigen Eingangsbereich und auch im Inneren gibt es keine Hindernisse.

Eingangsbereich der Kirche Heilige Familie

Ein besonderes Beispiel für Teilhabe lässt sich in der Heiligen Familie erleben, die viermal im Jahr Treffpunkt für Hörgeschädigte aus Zwickau und Umgebung ist. Einmal im Jahr feiern die Hörgeschädigten im Anschluss an ihr Treffen gemeinsam mit der Gemeinde die Heilige Messe am Samstag um 17 Uhr, bei der dann ganz selbstverständlich eine Gebärdendolmetscherin den Gottesdienst begleitet. Ein tolles Angebot wie ich finde, welches sicher bei entsprechendem Bedarf ausgebaut werden kann.

Was den Zugang zur Kirche im Allgemeinen betrifft, möchte ich an der Stelle auch noch mal auf den Fördertopf „Lieblingsplätze“ verweisen, über den das Land Sachsen Baumaßnahmen zur Herstellung von Barrierefreiheit mit bis zu 25.000 Euro fördert. Hier können auch Kirchgemeinden einen entsprechenden Antrag stellen. Einige haben das auch schon getan, damit auch Menschen mit Beeinträchtigungen die Möglichkeit haben selbstbestimmt an Gottesdiensten und Veranstaltungen teilzunehmen oder einfach als Besucher sich die beeindruckenden Kirchbauten anschauen zu können. Doch was nützt es, wenn Kirchen barrierefreie Zugänge haben, wenn dies nicht deutlich sichtbar auf der jeweiligen Homepage vermerkt ist. So haben etwa die Lutherkirche in der Bahnhofsvorstadt und die Pauluskirche in Zwickau-Marienthal barrierefreie Zugänge für Menschen mit Gehbehinderung geschaffen, auf der Homepage findet man hierzu jedoch nichts. Anders bei der Heiligen Familie, wo ein eigens hierfür gefertigtes Piktogramm auf die Barrierefreiheit für Gehbehinderte hinweist. Das dürfte insbesondere für jene von Interesse sein, die am 4. Mai 2018 in der Nacht der offenen Kirche die Gelegenheit nutzen möchten, die Kirchen der Stadt zu besuchen. In zahlreichen Angeboten stellen sich die Gemeinden vor, gibt es Gelegenheit zum Gebet, Musik zu hören oder mehr über jene zu Erfahren, die die Kirche gestaltet haben – beispielsweise die Greizer Künstlerin Elly-Viola Nahmmacher, die Mitte der 1970er Jahre die Pfarrkirche der Heiligen Familie umgestaltete. Hier geht’s zum Programm der „Nacht der offenen Kirche“, die für Interessierte ein vielfältiges und interessantes Angebot bereit hält. Es lohnt sich also mal reinzuschauen in die Zwickauer Gotteshäuser – nicht nur für Gläubige!

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