„Ich bin nicht behindert, ich werde behindert!“

Dieser Satz aus der Rede von Uwe Adamczyk, Vorsitzender des Kreisverbandes Zwickau des VdK, zur Eröffnung der Ausstellung „Behindern verhindern“ in Zwickau ist mir im Gedächtnis geblieben. Zeigt er doch eindrücklich, wie viel Einfluss Gesellschaft und Umfeld darauf haben, ob ein Mensch mit und ohne Beeinträchtigungen selbstbestimmt leben kann oder nicht.

Uwe Adamczyk bei der Ausstellungseröffnung

Der Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert, zum Glück. Noch im Mittelalter galten Menschen mit Behinderungen als Strafe Gottes, als ausgesprochenes Unglück. Sie wurden vor der Öffentlichkeit versteckt oder als Wechselbälger (vom Teufel vertauschte Kinder) getötet. Im Laufe der Zeit entwickelte sich im christlichen Glauben zunehmend der caritative Ansatz, der sich um Kranke, Schwache und behinderte kümmerte. Es entstanden erste Einrichtungen, die wohl aus heutiger Sicht nicht mehr als Verwahranstalten waren, aber dennoch im Kontext der damaligen Zeit einen großen Fortschritt bedeuteten. Die mittelalterliche Bewertung als lebensunwert erfuhr im 3. Reich unter der Hitlerdiktatur eine neue Qualität. Behinderte wurden zu medizinischen Experimente missbraucht, sterilisiert – Behinderte sollten sich nicht auch noch fortpflanzen können – und fielen schließlich dem Euthanasieprogramm zum Opfer. Alles unwerte Leben sollte den „gesunden deutschen Volkskörper“ nicht weiter belasten und schwächen.

Hier konnte man sich im Lippenlesen üben

Dieses dunkle Kapitel ist zum Glück Geschichte und bereits im Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 ist festgehalten: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Doch zielt dies auf konkrete Diskriminierungen ab etwa, wenn jemand wegen einer Behinderung beim Bewerbungsverfahren um einen Arbeitsplatz benachteiligt werden. Inzwischen findet man bei vielen Ausschreibungen, dass „Frauen und Behinderte bei gleicher Qualifikation bevorzugt berücksichtigt werden“. Doch auch wenn sich hier auf den ersten Blick eine ganze Menge getan hat und auch die Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigung inklusive ihrer Förderung sich in den zurückliegenden Jahrzehnten beträchtliche Fortschritte gemacht haben, ist vieles noch zu tun. Worum es hierbei geht, sagt die UN-Behindertenrechtskonvention. Integration von Behinderten in die Gesellschaft ist schon lange nicht mehr das erklärte Ziel. Vielmehr geht es um Inklusion: also die Schaffung von Voraussetzungen und Bedingungen die es ermöglichen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen selbstbestimmt an allen Bereichen des täglichen Lebens teilhaben können. Gemeint sind damit leichte Sprache bei Texten auch und gerade in öffentlichen Gebäuden/Einrichtungen, Gebärdendolmetscher bei Veranstaltungen, barrierefreie Zugänge zu öffentlichen Einrichtungen und ÖPNV gerade für Menschen mit Gehbeeinträchtigungen und Rollstuhlfahrer und viele andere Maßnahmen. Dazu gehört aber auch, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam lernen und gerade hier kritisieren die Vereinten Nationen rückschrittliche Tendenzen auf Länderebene. Gemeint sind hier Entscheidungen auf Länderebne in Deutschland, die letztlich wieder zu einer Stärkung von speziellen Fördereinrichtungen führen statt die Voraussetzungen für inklusives Lernen zu schaffen und weiter zu verbessern. Und auch wer mit offenen Augen durch den Alltag geht bemerkt schnell, dass bei weitem noch nicht alles barrierefrei ist. Immer noch gibt es viel zu viele Haltestellen, die beispielsweise für Rollstuhlfahrer gar nicht oder zumindest nicht ohne fremde Hilfe nutzbar sind. Noch immer sind nicht überall die Zugänge zu Gebäuden und Einrichtungen barrierefrei und die einzelnen Etagen über Fahrstuhl erreichbar. Es gibt also noch immer enormen Handlungsbedarf.

Blick auf die Ausstellung

Und hier die Öffentlichkeit für die Belange von Menschen mit Beeinträchtigungen und Maßnahmen der Inklusion zu sensibilisieren, hat die Sächsische Staatsregierung bereits 2016 die Kampagne „Behindern verhindern“ ins Leben gerufen und in den zurückliegenden Jahren eine Wanderausstellung erarbeitet. Diese soll dafür sensibilisieren, was die einzelnen Formen von Beeinträchtigung für den davon betroffenen Menschen für Auswirkungen haben. Wer hat schon eine Vorstellung davon, wie sich unterschiedliche Bodenbeläge für einen Sehbehinderten oder Gehbehinderten auswirken? Wer hat eine Vorstellung davon, wie unterschiedliche Beläge mit einem Rollstuhl händelbar sind und wie schwierig Bordsteinkannten oder Steigungen zu überwinden sind. Wie schwierig es ist, von den Lippen abzulesen und was ist Blindenschrift – all das kann bei der Ausstellung erprobt und herausgefunden werden. Hier finden sich weitere Informationen zur Kampagne und Ausstellung.

Horst Wehner im Gespräch mit OB Dr. Pia Findeiß

Es ist noch viel zu tun auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft und jeder einzelne kann einen Beitrag dazu leisten. Denn letztlich sind die Maßnahmen der Barrierefreiheit keine Maßnahmen speziell für einen kleinen Teil unserer Gesellschaft sondern für uns alle. Wir alle profizieren davon. Wer weiß mit schweren Taschen nicht den Aufzug zu schätzen oder den ebenerdigen Einstieg in Bus und Bahn? Und wir alle werden älter, wir alle können durch Krankheit kurz- oder auch langfristig von Beeinträchtigungen betroffen sein und auch Eltern mit Kinderwagen werden die Vorzüge von abgesenkten Bordsteinkannten zu schätzen wissen. Und wo diese Voraussetzungen noch nicht gegeben sind, lohnt es einerseits dafür zu streiten und sich zu engagieren – in Vereinen und (Kommunal)Parlamenten aber auch Hilfe anzubieten, statt wegzuschauen.