Gefährdet ‚das Auto der Zukunft’ die eigene berufliche Zukunft? – Das Sachsensofa zu Gast in Stangengrün bei Kirchberg

Die Region Zwickau lebt von der Automobilindustrie. Das ist eine Tatsache. Allein bei VW in Mosel arbeiten rund 8.000 Menschen. Dazu kommen noch unzählige Menschen, die in der Automobilzulieferindustrie beschäftigt sind, sachsenweit sind das über 95.000 Menschen. Und noch immer ist das Auto des Deutschen liebstes Kind, kein Wunder also, dass Veränderungen auch für Sorgenfalten sorgen, wie es in Zukunft um diesen Industriezweit bestellt ist.

Die Kirchberger Bürgermeisterin Dorothee Obst mit Dr. Barbara Hendricks, Daniel Heinze (Kirchenredakteur) und Dr. Thomas Arnold (Leiter der ktholischen Akademie d. Biestums Dresden – Meißen) vor dem Kirchberger Rathaus

Der Titel der Veranstaltung der Reihe Sachsensofa brachte diese Sorge zum Ausdruck. Ist die Entscheidung von VW, in Mosel nur noch Elektroautos zu produzieren richtig und zukunftsweisend? Ist die deutsche Automobilindustrie überhaupt in der Lage, den Entwicklungen in den alterativen Antrieben Rechnung zu tragen? Andere Nationen scheinen da schon weiter zu sein in der Entwicklung von besseren Batterien, von Brennstoffzellen und auch die Entwicklung von synthetischen Treibstoffen scheint eine sinnvolle Alternative. Fazit dieses Diskussionspunktes: Die deutsche Automobilindustrie hat in den letzten Jahren gepennt und somit den Zeitpunkt verpasst, den Weltmarkt mit den Veränderungen der Antriebsmöglichkeiten mitzugestalten. Doch, und das war das positive Fazit: In der Veränderung liegt Innovationskraft. Es werden Jobs wegfallen, andere werden sich verändern und neue Jobs werden entstehen. Das zeigt, auch das „Auto der Zukunft“ ist letztlich keine Gefährdung der eigenen beruflichen Zukunft. Zudem gilt es das Augenmerk nicht nur selektiv auf einen Bereich zu lenken. Der Umstieg auf Elektromobilität hat vorwiegend Klimaschutzgründe. Doch das allein reicht bei weitem nicht aus. Wir werden zukünftig eine Vielzahl von Antriebsmöglichkeiten benötigen – E-Mobilität gerade innerstädtisch, aber eben auch andere Formen.

v.l.n.r.: Daniel Heinze, Martin Dulig, Dr. Barbara Hendricks, Martin Böttger

Klimaschutz heißt aber auch, Veränderungen gesamtgesellschaftlich anzugehen. Die frühere Umweltministerin Barbara Hendricks machte deutlich, dass man in den letzten Jahrzehnten viele falsche Entscheidungen getroffen hat, die jetzt nicht so schnell zurückgedreht werden können, wie man sich das wünschen würde. Um etwa Güter von der Straße auf die Schiene zu bringen, braucht es Güterbahnhöfe, die aber weitestgehen geschlossen wurden; Schienenstrecken wurden stillgelegt und teilweise abgebaut – all das zu reaktivieren braucht Zeit. Insgesamt solle, da waren sich Dr. Barbara Hendricks und Martin Dulig einig, dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zukünftig eine viel größere Bedeutung beigemessen werden. Martin Dulig will hierzu die Kleinteiligkeit der Verkehrsverbünde überwinden und mit einer Sächsischen Verkehrsgesellschaft bessere Voraussetzungen schaffen, auch ländliche Räume besser zu erschließen. Sein Ziel ist es, die Angebote so auszubauen, dass 80 Prozent der Menschen in Sachsen erreicht werden. Hierzu sollen weitere Fahrzeuge angeschafft und so in die Infrastruktur investiert aber auch Tarife so gestaltet werden, dass sie attraktiver für die Menschen werden. In der Diskussion wurde deutlich, dass es für die Zukunft auch in Sachen Mobilität einen bunten Mix braucht: den privaten PKW ebenso wie Carsharingangebote, gut erschlossene Radwege – hier hat Sachsen riesigen Nachholbedarf – und einen gut ausgebauten ÖPNV, der neben festen Linien mit bedarfsorientierten Taktungen und guten Anschlusstaktungen auch Angebote für Rufbus und Ruftaxi enthält. Letztlich wird es aber auch ohne das ehrenamtliche Engagement nicht gehen, nicht ohne Menschen, die im ländlichen Raum mit Fahrgemeinschaften und Bürgerbussen dafür sorgen, Mobilität zu gewährleisten.

Martin Dulig und Dr. Barbara Hendricks

Es war eine gute Veranstaltung der katholischen Akademie, die mit Dr. Barbara Hendricks, Martin Dulig und Bürgerrechtler Martin Böttger hochkarätiges Personal auf das Sachsensofa brachte. Und die Menschen von Stangengrün, welches den Titel „Dorf der Zukunft“ trägt und zur familiengerechten Stadt Kirchberg gehört, nahmen die Möglichkeit gern an, mit Politikern ins Gespräch zu kommen, und ihren Sorgen, Gedanken und Fragen so an der richtigen Stelle zu platzieren. Und so hatte auch die Bürgerinitiative die Möglichkeit, direkt mit Martin Dulig ins Gespräch zu kommen. Da wurde eine Brücke direkt übers Dorf gebaut, die Umgehungsstraße durchschneidet das Dorf und die Lärmbelastung ist enorm, eine Lösung muss her. Das Problem: auch hier braucht es Veränderungen bei den Gesetzesvorgaben über zulässige Emissionen. Die bestehenden Regelungen sind veraltet. Die Vertreter der Landes- und Bundespolitik aber auch der Kommunalpolitik konnten viele Anregungen für ihre weitere Arbeit mitnehmen.

Das Kissen des Sachsensofas wird am Ende der Reihe verlost. Dann haben alle Teilnehmenden darauf unterschrieben.

Als die Veranstaltungsreihe vorgestellt wurde, gab es Kritik, dass die Oppositionsparteien keine Berücksichtigung fanden. Diese Kritik ist berechtigt. Und auch der Veranstaltung in Stangengrün sicher nicht geschadet, wenn ein Fachpolitiker der Opposition mit im Podium gesessen hätte. Aber auch so war es eine gute Veranstaltung, der es aber dennoch gut getan hätte, wenn gerade im Publikum Vertreter der Oppositionsparteien vertreten gewesen wären, vielleicht sogar welche mit einem politischen Mandat. Schließlich lassen sich eigene Positionen nicht nur  vom Podium aus darlegen. Vielleicht wäre es dann möglich gewesen, konkrete Antworten einzufordern auf Fragen wie: Welche konkreten Schritte sind als nächstes nötig und werden gegangen, um die Emissionsregelungen heutigen Gegebenheiten anzupassen und somit beispielsweise auch dem Lärmschutz gerecht zu werden? Welche konkrete Schritte werden in welchem Zeitraum unternommen, um das Radwegenetz zügig auszubauen, Güterbahnhöfe zu reaktivieren, ländliche Gebiete für Carsharing attraktiver zu machen, ehrenamtliches Engagement z. B. bei Bürgerbussen besser zu würdigen und zu unterstützen usw. Für mich bleibt als persönliches Fazit, dass es sich lohnt, auch mal über den Tellerrand zu schauen und Veranstaltungen zu besuchen, die nicht aus der eigenen Filterblase heraus organisiert wurden. Spannend ist es auf jeden Fall und die Menschen gerade auch im ländlichen Raum nehmen Gesprächsangebote an. Bleibt zu hoffen, dass die in der Veranstaltung deutlich gewordenen notwendigen Schritte zügig angegangen und nicht einfach in die nächste Wahlperiode verschoben werden.